Horst Lüning rechnet seit Jahren die Energiewende in Watt pro Quadratmeter durch. Seine These: Wer die Physik der Energiedichte ignoriert, plant an der Realität vorbei. Wir haben sein jüngstes Video gegen die offiziellen Datenquellen geprüft – und eingeordnet, wo er präzise ist und wo er vereinfacht.
Horst Lüning · UnterBlog · 07. April 2026 · YouTube Privacy-Enhanced-Mode (cookiefrei) · youtube.com/watch?v=Hm19Od-sXGE
Kapitelstruktur14 Abschnitte
- 00:00Einleitung & Motivation
- 01:52Was bedeutet Dichte?
- 07:54Fossil vs. Elektrisch
- 11:05Flächenbedarf Ladeinfrastruktur
- 12:30Kernkraft & Kohle
- 14:49Windenergie
- 19:23Solarenergie
- 21:32Wasserkraft
- 22:58Bioenergie
- 25:47Primärenergiebedarf
- 27:09Flächenvergleich-Tabelle
- 28:25Nahrung oder Kraftstoff?
- 30:31Prioritäten & Politikkritik
- 32:22Fazit
Am 7. April 2026 veröffentlicht Horst Lüning auf seinem Kanal UnterBlog ein Video mit dem Titel „Energiedichte, Bevölkerungsdichte und Scheitern der Energiewende“. Es ist eine Neuauflage seines Vortrags aus dem Juli 2022, vier Jahre später, mit aktualisierten Zahlen und spürbar geschärftem Ton. In 46 Minuten rechnet Lüning vor, warum die deutsche Energiewende an ihrer physikalischen Randbedingung scheitert – der Energiedichte pro Fläche. Die Rechnung ist nicht neu. Aber sie ist, wie sich zeigen wird, bemerkenswert stabil.
Lüning ist kein Gegner der Energiewende. Das ist der erste Punkt, der im Rauschen der Debatte gern untergeht. Er betreibt an seinem Firmensitz in Seeshaupt am Starnberger See zwei Photovoltaikanlagen mit zusammen 49 Kilowatt-Peak, einen 52-Kilowattstunden-Hausakku, drei Elektroautos mit weiteren 250 Kilowattstunden rollender Speicherkapazität und heizt privat mit einer Wärmepumpe. Seine Kritik ist keine ideologische, sondern eine ingenieurwissenschaftliche. Sie lautet, in seinen Worten: „Man kann nicht gegen die Physik regieren.“
Genau das macht das Video interessant. Denn wer Lünings Zahlen nicht widerlegen kann, muss sich mit seiner Schlussfolgerung auseinandersetzen. Und wir haben sie geprüft – in sieben von sieben überprüfbaren Kernwerten liegt er entweder präzise richtig oder konservativ auf der sicheren Seite.
Die Denkfigur: Von Menschen zu Megawatt
Lünings rhetorischer Kunstgriff beginnt harmlos. Bevor er über Energie spricht, spricht er über Bevölkerungsdichte. Er vergleicht seine Heimatgemeinde Seeshaupt – 3.286 Einwohner auf 30 Quadratkilometern, also 110 Menschen pro Quadratkilometer – mit München (4.738), Deutschland (233), der Welt im Durchschnitt (88) und der Weltspitze Dhaka (rund 37.000). Der Zuhörer soll begreifen: Eine Zahl pro Fläche bedeutet etwas. Sie ist nicht abstrakt, sondern anschaulich.
Dann wechselt Lüning das Bezugsobjekt. Was für Menschen gilt, gilt auch für Energie. Wie viele Terawattstunden werden auf einem Quadratkilometer erzeugt? Wie viele Menschen werden darauf ernährt? Wer diese Frage konsequent durchrechnet, steht vor einem Problem, das sich nicht wegargumentieren lässt.
Die 4.500-Watt-Gesellschaft
Bevor Lüning über Erzeugung spricht, quantifiziert er den Bedarf. Der Primärenergieverbrauch Deutschlands lag 2021 bei 3.387 Terawattstunden – eine Zahl, die die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen mit 3.407 TWh angibt, ein Unterschied von 0,6 Prozent. Teilt man das durch 83,2 Millionen Einwohner, landet man bei rund 40.000 Kilowattstunden pro Person und Jahr. Umgerechnet auf Dauerleistung: 4.500 Watt pro Kopf, rund um die Uhr, das ganze Jahr.
Die zentrale Pointe: Der menschliche Körper, biologisch betrachtet, verbraucht etwa 100 Watt. Wir leben also energetisch mit einem Faktor 45 über unserem biologischen Grundumsatz. Jede Person in Deutschland hat, metaphorisch gesprochen, 45 unsichtbare Helfer, die ständig für sie arbeiten – in Kraftwerken, Autos, Öfen, Fabriken, Rechenzentren, Kühlschränken. Das ist keine Klage, sondern eine Feststellung. Wir sind eine 4.500-Watt-Gesellschaft. Wer uns daraus in eine 1.000-Watt-Gesellschaft überführen will, plant einen historisch beispiellosen Umbau.
Unsere Biologie braucht 100 Watt. Wir leben in einer 4.500-Watt-Gesellschaft. Das Zehnfache dessen, was ein Haushalt nur an Strom verbraucht.
Horst Lüning · UnterBlog, 07.04.2026
Ihre Stromrechnung zeigt nur 8 % Ihres Energieverbrauchs
Die meisten Menschen denken bei „Energieverbrauch“ an das, was auf ihrer Jahresabrechnung steht: rund 3.500 kWh Haushaltsstrom, umgerechnet etwa 400 Watt Dauerleistung. Das fühlt sich überschaubar an.
Lünings 4.500 Watt erfassen aber den gesamten Primärenergieverbrauch, der auf Sie entfällt – inklusive aller unsichtbaren Anteile:
Daten als Tabelle (auch für Screenreader, Print und Zitation)
| Sektor | Anteil | Leistung | Kontext |
|---|---|---|---|
| Haushaltsstrom | 8 % | ~400 W | sichtbar auf Rechnung |
| Raumwärme | 23 % | ~1.050 W | Gas, Öl, Fernwärme |
| Mobilität | 24 % | ~1.100 W | Tank, Bahn, Flug |
| Industrie, Güter, Dienstleistungen | 45 % | ~1.950 W | unsichtbar, in Preisen eingepreist |
| Gesamt | 100 % | 4.500 W | Primärenergieverbrauch |
Nur wer alle vier Balken zusammen dekarbonisiert, erfüllt das Klimaziel. Wer nur auf den ersten Balken schaut, löst 8 % des Problems – und belegt dabei genau die Fläche, über die Lüning spricht.
Ein oft übersehener Punkt in dieser Rechnung: Nur etwa ein Fünftel des Primärenergiebedarfs geht heute in den Stromsektor. Die verbleibenden 75 Prozent stecken in Wärme, Prozesswärme, Treibstoffen, Rohstoffen der Chemie. Die Energiewende, wie sie meist diskutiert wird, ist eine Strom-Wende. Die echte Arbeit liegt in den anderen drei Vierteln. Und genau an diesem Punkt wird die Frage der Flächeneffizienz unausweichlich.
Die Hierarchie der Energiedichten
Was bedeutet „GWh pro Quadratkilometer und Jahr“ konkret?
Die Einheit GWh/km²·a klingt abstrakt. Ein Fußballfeld macht sie greifbar: Ein DFB-Spielfeld misst 105 × 68 Meter – rund 0,007 km². Damit kann man die Zahlen aus der Tabelle direkt übersetzen:
PV-Freifläche: 100 GWh/km² · 0,007 km² = 0,7 GWh pro Fußballfeld und Jahr→ versorgt rund 200 Haushalte ein Jahr lang mit Strom (à 3.500 kWh)Kernkraft: 20.000 GWh/km² · 0,007 km² = 140 GWh pro Fußballfeld und Jahr
→ versorgt rund 40.000 Haushalte ein Jahr lang mit StromDer Unterschied: Auf derselben Fläche (1 Fußballfeld) liefert Kernkraft 200× mehr Energie als Freiflächen-PV. Das ist keine Technologiepräferenz – das ist Physik.
Hinweis: Der Vergleich gilt für Strom-Output. Kernkraft hat ungelöste Entsorgungsprobleme. Dass die Physik so ist, ändert das nicht – und darum geht es Lüning.
Lünings zentrale Tabelle ist das Herzstück seines Vortrags. Sie ordnet Erzeugungstechnologien nach ihrer Energiedichte – wie viel Energie pro Jahr pro Quadratkilometer entsteht. Wir haben seine Werte gegen die Primärquellen geprüft und in einer erweiterten Form zusammengefasst.
¹ Gundremmingen B stillgelegt 2017, Block C am 31.12.2021. Die 20 TWh spiegeln die kombinierte historische Jahresleistung beider Blöcke wider und dienen als physikalischer Referenzwert für die Energiedichte. ² Moorburg stillgelegt April 2021. Die 10 TWh entsprechen dem Nennleistungs-Potential (1.654 MW × ca. 6.000 Volllaststunden) als theoretischer Vergleichswert.
| Technologie | Referenzanlage | TWh/Jahr | Fläche (km²) | Dichte (GWh/km²·a) | Validierung |
|---|---|---|---|---|---|
| Kernkraft | Gundremmingen B+C ¹ | 20,0 | ~1 | 20.000 | präzise |
| Steinkohle | Moorburg, Hamburg ² | 10,0 | ~1 | 10.000 | Nennleistung |
| Wasserkraft | Walchenseekraftwerk | 0,30 | 16 (Seefläche) | 19 | präzise |
| Windkraft (einzeln) | 5-MW-Anlage, Fundament | 0,009 | 0,0005 | 18.000 | Fundament |
| Windkraft (Park) | Anlagenraster 200 m | 0,009 | 0,04 | 225 | Raster |
| PV, Dachanlage | 27 kWp auf 200 m² | 0,000027 | 0,0002 | 135 | typisch |
| PV, Freifläche | Süddeutschland, 1 MWp/ha | 0,001 | 0,01 | 100 | Fraunhofer |
| Biodiesel (Raps) | Ertragsmittel Deutschland | 0,0025 | 1 | 2,5 | oberes Limit |
| Biosprit (Mais/Weizen) | Bioethanol, Deutschland | 0,0015 | 1 | 1,5 | Literatur |
Rechenweg: Wie kommt man auf 20.000 GWh/km²·a für Kernkraft?
Die Zahl für Gundremmingen lässt sich vollständig aus öffentlichen Daten ableiten:
Nennleistung Block C (netto): 1.344 MWVolllaststunden Kernkraft DE (historisch): ~7.500 h/Jahr (Auslastung ~85 %)
Jahreserzeugung Block C: 1.344 MW × 7.500 h = 10,08 TWh/JahrBlock B (vor Stilllegung 2017): ebenfalls ~1.344 MW, ~10 TWh/Jahr
Historische Gesamterzeugung B+C: ~20 TWh/JahrAnlagenfläche (Gebäude, Kühltürme, Sicherheitszone): ~0,7–1,0 km²
Lüning rechnet vereinfacht mit 1 km² als Referenzwert20 TWh / 1 km² = 20.000 GWh/km²·a – stimmt mit Lünings Tabellenwert überein
Zum Vergleich: Würde man nur Block C (1 km² Fläche) ansetzen, käme man auf ~10.000 GWh/km²·a. Lüning rechnet mit B+C historisch – das ist eine methodisch vertretbare Wahl für einen Referenzwert der Technologieklasse.
Die Rangordnung ist eindeutig – und sie ist physikalisch, nicht politisch. Ein Kernkraftwerk erzeugt auf einem Quadratkilometer rund 20.000 Gigawattstunden pro Jahr. Eine gut gemanagte Rapsfläche erzeugt auf demselben Quadratkilometer 2,5 Gigawattstunden. Der Faktor zwischen beiden beträgt 8.000. Acht Tausend.
Wichtig: Diese Tabelle vergleicht Energie-Output pro Fläche, nicht die Gesamtwünschbarkeit einer Technologie. Kernkraft bringt eigene, gewichtige Probleme mit sich – Endlagerung, Katastrophenrisiko, politische Akzeptanz. Das ist eine andere Debatte. Die hier dargestellte Physik bleibt davon unberührt.
Die Flächenrechnung für 100-Prozent-Deckung
Hier wird Lünings Argument greifbar. Er rechnet durch, welche Fläche Deutschland bräuchte, um seinen kompletten Primärenergiebedarf von 3.387 TWh pro Jahr ausschließlich aus einer einzigen Technologie zu decken. Die Ergebnisse sind ernüchternd.
| Technologie | Fläche (km²) | % von Deutschland | Realisierbar? | Einordnung |
|---|---|---|---|---|
| Kernkraft | 169 | 0,0 % | technisch ja | ca. 170 Gundremmingen-Äquivalente |
| Steinkohle | 339 | 0,1 % | CO₂-Austieg | ohne Abbauflächen |
| Wind, nur Fundamente | 261 | 0,1 % | denkbar | Versiegelung ohne Raster |
| Wind als Windparks | 15.153 | 4,2 % | grenzwertig | Akzeptanz, 10H-Regel |
| PV auf Dächern | 13.548 | 3,8 % | nur Sommer | Speicherproblem ungelöst |
| PV Freifläche | 56.450 | 15,8 % | Konflikt | fruchtbare Böden |
| Biodiesel (Raps) | 1.354.000 | 379 % | unmöglich | 3,8× Deutschland |
| Bioethanol | 2.258.000 | 632 % | unmöglich | 6,3× Deutschland |
Die 1-%-Bremse: Warum Pflanzen so ineffizient Energie speichern
Stellen Sie sich vor, die Sonne schickt 100 Sonnenstrahlen auf ein Feld. Was kommt am Ende als nutzbare Energie heraus?
Rapsfeld (Biodiesel): Die Pflanze fängt die Strahlen auf, wandelt sie über Photosynthese um, bindet Kohlenstoff im Öl – am Ende landen ca. 0,5–1 Strahlen als Energie im TankSolarzelle auf derselben Fläche: Sie wandelt Licht direkt in Strom – am Ende landen ca. 20–23 Strahlen als elektrische Energie im NetzFaktor: Die Solarzelle ist 20- bis 40-mal effizienter als die Pflanze – auf derselben Fläche.Warum ist die Pflanze so ineffizient? Sie braucht Energie für Wachstum, Atmung, Blattmasse, Wurzeln, Früchte – das Öl im Samen ist nur ein kleiner Endprodukt dieser Kette. Die Physik der Photosynthese lässt sich nicht wegzüchten. Das ist der Grund, warum Biokraftstoffe trotz Jahrzehnten Forschung nie wirklich skaliert haben.
Der eigentliche Schock dieser Tabelle liegt nicht in den Extremen. Dass Biodiesel die gesamte Landesfläche Deutschlands viermal brauchen würde, macht intuitiv Sinn, sobald man einmal die Photosynthese-Effizienz in Betracht zieht – sie liegt bei rund 1 Prozent, während kommerzielle Solarzellen bei 20 bis 23 Prozent arbeiten. Der Schock liegt im Mittelfeld: Auch Freiflächen-Photovoltaik braucht bei Vollabdeckung fast 16 Prozent der deutschen Landesfläche. Das entspricht etwa der gesamten Ackerfläche für Raps und Weizen zusammen.
Daten als Tabelle
| Technologie | Fläche | Anteil DE |
|---|---|---|
| Kernkraft | 169 km² | 0,05 % |
| Windkraft (Parks) | 15.153 km² | 4,2 % |
| PV auf Dächern | 13.548 km² | 3,8 % |
| PV Freifläche | 56.450 km² | 15,8 % |
| Biodiesel (Raps) | 1.354.000 km² | 379 % |
| Bioethanol (Mais) | 2.258.000 km² | 632 % |
An dieser Stelle hebt Lüning im Video den Finger: Niemand plane ernsthaft eine 100-Prozent-Einzelrohstoff-Lösung. Das weiß er. Die Rechnung dient als Plausibilitätstest. Sie zeigt, welcher Mix mathematisch überhaupt funktionieren kann – und welcher nicht. Jede Lösung, die ohne Kernkraft und mit substantiellem Bioanteil rechnet, stößt gegen eine harte Flächenwand. Das ist der eigentliche Inhalt seiner Warnung.
Wo Lüning präzise ist – und wo er vereinfacht
Eine faire Einordnung gehört zum Handwerk. Lüning arbeitet als Ingenieur, aber er ist kein ausgewiesener Fachspezialist für jede einzelne Erzeugungstechnologie. An einigen Stellen vereinfacht er – nicht falsch, aber straffer als die aktuelle Fachliteratur.
- →Primärenergiebedarf 2021 (3.387 TWh gegen AGEB-Wert 3.407 TWh – Abweichung 0,6 %)
- →Gundremmingen-Leistung (20 TWh gegen Wikipedia-Wert 21 TWh)
- →Walchenseekraftwerk (300 GWh exakt, Uniper-Angabe)
- →Bevölkerungsdichten alle überprüfbar bis auf zweite Dezimale
- →Raps-Flächenertrag (2,5 kWh/m² liegt am oberen Ende der Literatur)
- →Energiedichte-Hierarchie insgesamt – die Rangordnung ist physikalisch unstrittig
- →Windkraft-Flächen: Die „beanspruchte“ Fläche im Windpark ist nicht versiegelt. Laut UBA-Bericht 2023 nutzt eine moderne Anlage nur 0,05 ha als Fundament; der Rest bleibt Landwirtschaft.
- →Offshore-Wind: Moderne Offshore-Anlagen erreichen Kapazitätsfaktoren von 45 bis 50 Prozent – deutlich besser als die im Video implizit angenommenen Onshore-Werte.
- →Agri-PV: Die Doppelnutzung von Flächen für PV und Landwirtschaft existiert seit 2023 industriell. Sie entschärft Lünings „Flächenkonflikt mit Nahrungsmitteln“.
- →E-Fuel-Import: Die MENA-Region (Marokko, Saudi-Arabien, Namibia) hat PV-Flächendichten bis zum Faktor 3 höher als Deutschland – Import verlagert das Problem, löst es nicht.
Wake-Effekt und Betz-Limit: Warum Lünings 200-m-Raster die Wind-Zahlen sogar günstiger macht
Lünings Tabelle weist Windkraft im Park-Modus 225 GWh/km²·a aus – berechnet mit einem 200-Meter-Anlagenraster. Das ist physikalisch problematisch, aber nicht weil es zu pessimistisch wäre. Es ist zu optimistisch für Wind:
Betz-Limit: Eine Windturbine kann maximal 59,3 % der kinetischen Windenergie entnehmen (Betz 1919). Dahinter bildet sich ein Turbulenzkegel – die sogenannte Wake. In diesem Windschatten ist die Windgeschwindigkeit 10–30 % reduziert.Mindestabstand für Regeneration: 5–8 Rotordurchmesser (D) zwischen Anlagen. Bei einer modernen 6-MW-Anlage (D ≈ 150–175 m) bedeutet das: 750–1.400 m Abstand für vollständige Regeneration.Lünings Annahme: 200-m-Raster → 0,04 km² pro Turbine → 225 GWh/km²Reale Parks (5D-Abstand bei 150 m Rotor): 750-m-Raster → 0,56 km² pro Turbine → ~16 GWh/km²Realistische Windpark-Energiedichte: ~14–20 GWh/km² (nicht 225) → Lüning gibt Wind damit de facto den Vorteil der Annahme. Seine 4,2 % wären real eher 60–70 % der deutschen Landesfläche.
Das ist kein Fehler Lünings, sondern eine konservative Vereinfachung zugunsten von Wind. Wer seine Zahlen ernst nimmt, muss wissen: Die tatsächliche Flächensituation bei Wind ist ungünstiger als seine Tabelle zeigt.
Unterm Strich verschiebt keiner dieser Punkte Lünings Gesamtrechnung um eine Größenordnung. Die harte Hierarchie – Kernkraft >> Kohle >> Wind >> PV >> Bio – bleibt stabil, auch wenn man moderne Agri-PV-Systeme, Offshore-Repowering und höhere Modul-Wirkungsgrade einrechnet. Was sich ändert, ist die politische Handlungsoption, nicht die physikalische Grenze.
Die ethische Dimension
An einer Stelle wird Lüning ungewöhnlich scharf. Wenn Deutschland Ackerfläche für Biosprit oder Biodiesel aus der Nahrungsmittelproduktion herausnimmt, verdrängt das global betrachtet Nahrungsmittelangebot. Laut Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen litten 2024 rund 733 Millionen Menschen unter chronischem Hunger. Jeder Hektar europäischer Raps, der in den Tank fließt, ist ein Hektar, auf dem kein Weizen für einen afrikanischen oder südasiatischen Markt steht.
Der Einwand ist ethisch schwergewichtig und faktisch schwer wegzudiskutieren. Lüning formuliert ihn im Video zugespitzt: Wer über Klimaneutralität 2050 redet und dabei Menschen in der Gegenwart verhungern lässt, priorisiert Zukünftige über Gegenwärtige. Das ist eine moralische Abwägung, keine bloße Klimafrage.
In 2050 retten wir vielleicht das Klima. Aber jetzt verhungern Menschen. Das ist für mich präsenter.
Horst Lüning · UnterBlog, 07.04.2026
Man muss dieser Aussage nicht in jeder Konsequenz folgen. Aber man kann sie nicht mit dem Verweis auf „sowieso zu wenig Biosprit-Anteil“ abbügeln. Die EU-Beimischungsquote für Biokraftstoffe lag 2024 bei mehr als 7 Prozent, die zugehörige Anbaufläche im EU-Raum bei rund 12 Millionen Hektar – eine Fläche, die rechnerisch den gesamten Kalorienbedarf von rund 180 Millionen Menschen decken könnte. Lünings ethische Frage ist nicht trivial.
Was Lüning heute anders sagen würde
Vier Jahre trennen die beiden Fassungen seines Vortrags. Einiges hat sich bewegt – und wer Lüning fair einordnen will, sollte das mitdenken.
Was sich zugunsten der Energiewende verändert hat
Batteriespeicher sind seit 2022 um mehr als 60 Prozent im Preis gefallen. Lithium-Eisenphosphat-Zellen liegen 2026 bei unter 70 Euro pro Kilowattstunde auf Modulebene. Das löst Lünings Speicher-Größenproblem nicht – Deutschland bräuchte weiterhin mehrere Terawattstunden an Kurzzeitspeichern –, verschiebt es aber ökonomisch.
Offshore-Windanlagen der 15-MW-Klasse haben Kapazitätsfaktoren von 45 bis 48 Prozent erreicht, einige Modelle der neuesten Generation operieren sogar mit über 50 Prozent. Das ist keine Korrektur von Lünings Flächenlogik, aber eine deutliche Verbesserung bei der Volllaststunden-Frage, die in seinem Vortrag implizit bei den alten 2.000-Stunden-Werten für Onshore bleibt.
Was ist ein Kapazitätsfaktor – und warum macht er den Unterschied?
Der Kapazitätsfaktor (CF) gibt an, wie viel Prozent der theoretisch möglichen Jahresleistung eine Anlage tatsächlich liefert. Ein Jahr hat 8.760 Stunden; eine 5-MW-Turbine könnte also maximal 5 MW × 8.760 h = 43.800 MWh erzeugen. In der Praxis:
Onshore-Wind Deutschland (Ø 2020–2024): ~2.000 Volllaststunden → CF ≈ 23 %5-MW-Turbine: 5 MW × 2.000 h = 10.000 MWh/Jahr (= 0,01 TWh)Offshore-Wind neue Generation (15 MW+): ~4.400 Volllaststunden → CF ≈ 50 %
15-MW-Turbine: 15 MW × 4.400 h = 66.000 MWh/Jahr (= 0,066 TWh)PV-Dach Süddeutschland: ~1.050 Volllaststunden → CF ≈ 12 %
27-kWp-Anlage: 27 kW × 1.050 h = 28.350 kWh/JahrFazit: Eine 15-MW-Offshore-Turbine liefert 6,6× mehr Energie pro Jahr als eine 5-MW-Onshore-Anlage – nicht nur durch mehr Leistung, sondern durch doppelt so viele Volllaststunden. Lünings Tabelle nimmt Onshore-Werte als Baseline; Offshore verschiebt die Energiedichte-Hierarchie von Wind nach oben – ändert aber nicht die Größenordnung.
Agri-PV als industrielle Praxis hat die harte Dichotomie „Fläche für Essen ODER Fläche für Strom“ entschärft. In Deutschland waren Ende 2024 rund 100–200 MWp an Agri-PV-Anlagen installiert (Fraunhofer ISE / Solar Cluster BW), mit Erträgen, die im Vollertrag von Freiflächen-PV bei 75 bis 85 Prozent liegen – bei gleichzeitig erhaltener landwirtschaftlicher Nutzung. Die Technologie wächst stark, ist aber noch nicht im GW-Maßstab relevant.
Was sich zugunsten von Lünings Argument verändert hat
Der deutsche Primärenergieverbrauch ist zwischen 2021 und 2023 von 3.407 auf rund 2.997 TWh gefallen (AGEB, Energiebilanz 2023: 10.790 PJ) – nicht durch Effizienzgewinne, sondern durch Deindustrialisierung. Energieintensive Produktion wandert ab. Das ändert die Bilanz, aber es ist die Art von „Erfolg“, die bei ehrlicher Lesart keiner anstrebt.
Der deutsche Stromimport hat sich verstetigt. Deutschland ist seit 2023 dauerhaft Netto-Stromimporteur, wobei ein substanzieller Anteil des Importstroms aus französischer und tschechischer Kernkraft stammt. Lünings zweifelhafte Pointe – Deutschland schaltet ab, der Rest der Welt baut – findet hier eine unangenehm konkrete Bestätigung.
Was wir mitnehmen
Horst Lünings Vortrag ist nicht unangreifbar, aber er ist eine der sorgfältigsten ingenieurgetriebenen Energiewende-Kritiken im deutschen YouTube-Raum. Wer mit ihm diskutieren möchte, muss mindestens auf demselben quantitativen Niveau argumentieren – und das gelingt in der Praxis selten.
Drei Lessons bleiben nach der Validierung:
1. Energiedichte ist keine Meinung
Sie ist ein physikalischer Wert, der sich aus Photosynthese-Effizienz, Sonneneinstrahlung, Wirkungsgraden und Flächenproduktivität speist. Man kann politische Akzeptanz und Technologieauswahl debattieren. Die Grundhierarchie zwischen den Erzeugungsarten debattiert man nicht – man liest sie in der Einheit „Watt pro Quadratmeter“ ab.
2. Der Engpass heißt Primärenergie, nicht Strom
Die öffentliche Debatte fokussiert auf Stromerzeugung. Der eigentliche Umbau betrifft die drei Viertel der Primärenergie, die heute in Wärme, Verkehr und Industrieprozessen stecken. Jede Lösung, die nur den Stromsektor adressiert, ist zu klein gedacht.
3. Die ethische Lücke gehört in die Diskussion
Lünings schärfstes Argument ist nicht die Physik, sondern die Moral: Flächen für Energie konkurrieren mit Flächen für Nahrung. Das ist keine rechte oder linke Position, sondern eine Tatsache der Agrarökonomie. Wer sie ignoriert, blendet eine Dimension aus, die international im Konfliktfall ausschlaggebend wird.
Am Ende bleibt die schlichte Feststellung: Wer die Energiewende plant, sollte vorher die Tabelle lesen. Lünings Tabelle.
Rechnen Sie selbst nach
Lünings Firmensitz liegt in Seeshaupt – Landkreis Weilheim-Schongau, direkt neben dem Landkreis Starnberg, für den wir unseren PV-Realcheck gebaut haben. Wer die Energiedichte der eigenen Dachfläche in Watt pro Quadratmeter ermitteln möchte, findet dort eine interaktive, physikalisch fundierte Vier-Schritte-Rechnung. Keine Marketing-Zahlen, keine Schönrechnerei. Nur die Physik.
Quellen und Validierung
Das Video „Energiedichte, Bevölkerungsdichte und Scheitern der Energiewende“ wurde am 7. April 2026 auf dem YouTube-Kanal UnterBlog von Horst Lüning veröffentlicht. Es ist eine Aktualisierung seines Vortrags vom 25. Juli 2022 mit identischer Kern-Argumentation und angepassten Zahlenwerten. Direktlink: youtube.com/watch?v=Hm19Od-sXGE.
Die im Artikel verwendeten Validierungsquellen in der Reihenfolge ihres Auftretens:
- Kernkraftwerk Gundremmingen – Betriebsdaten Block B + C, RWE Power AG; Wikipedia-Eintrag mit Einzelnachweisen.
- Kohlekraftwerk Moorburg – Vattenfall / Hamburger Energiewerke, Wikipedia-Eintrag mit technischen Daten.
- Walchenseekraftwerk – Uniper Kraftwerke GmbH, Jahreserzeugung 300 GWh, 124 MW Nennleistung.
- Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) – Primärenergieverbrauch Deutschland 2021: 12.265 PJ (3.407 TWh).
- AGEB – Energiebilanz Deutschland 2023: 10.790 PJ (ca. 2.997 TWh); Rückgang durch Deindustrialisierung.
- Umweltbundesamt (UBA) – Climate Change 32/2023: Flächenverfügbarkeit und Flächenbedarfe für den Ausbau der Windenergie an Land.
- Bundesverband Windenergie (BWE) – Flächenpotenziale der Windenergie an Land, September 2022.
- Fraunhofer ISE – Stromerzeugung in Deutschland, Jahresberichte 2017 bis 2024.
- Fraunhofer ISE / Solar Cluster BW – Agri-PV: Technik, Recht, Wirtschaftlichkeit; installierte Kapazität Deutschland Ende 2024.
- Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (KNE) – Zum Flächenbedarf der Windenergie, technische Parameter.
- Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (BZL) – Raps in Deutschland, Flächenerträge und Biodiesel-Ausbeuten.
- Thünen-Institut – Vergleich Flächenenergieerträge, Energieanalyse für nachwachsende Rohstoffe.
- UN DESA – Bevölkerungsdichten Bangladesh und Dhaka, World Population Prospects 2024.
- Welternährungsprogramm (WFP / FAO) – State of Food Security and Nutrition 2024, chronischer Hunger weltweit.
Hinweis zur Methode: Alle in diesem Beitrag zitierten numerischen Aussagen Lünings wurden gegen die Primärquellen geprüft. Wo wir Abweichungen gefunden haben, sind sie in Tabelle 1 und im Abschnitt „Wo Lüning präzise ist“ transparent ausgewiesen. Zitate sind wörtliche Übernahmen aus dem Video. Die Kapitelstruktur mit direkten Zeitmarken-Links zum Video ist am Anfang dieses Beitrags dokumentiert.
